Leben als Student in Zeiten einer Pandemie

Donnerstag, 9. September 2021 | 

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Inzwischen haben wir in der Corona Pandemie einen Punkt erreicht, an dem wir uns wieder freier bewegen können und Kontakte und Aktivitäten sowie teilweise sogar Partys (natürlich mit Hygienekonzept) wieder möglich sind. Doch wie geht es uns mit den wiedergewonnenen Freiheiten und damit, wieder unter (vielen) Menschen zu sein, nachdem monatelange jeder Kontakt einer zu viel war und nach 3 Lockdowns?

Monatelang keine gemeinsame Kaffeepause im Café Senkrecht und erschwerter Austausch über Uni- und Klausurthemen. Die Bibliothek, die Universitätsgebäude sowie die Mensa waren geschlossen, alle Präsenzvorlesungen sowie Sport- und Kulturveranstaltungen auf unbestimmte Zeit abgesagt. Viele Studenten haben außerdem ihre Studentenjobs verloren, da viele unter anderem in der Gastronomie oder nur in Teilzeit gearbeitet haben. Die letzten Monate waren also für die allermeisten Studenten im Vergleich zum gewohnten Lebensstil mit Einsamkeit, Ungewissheit und auch mit fachlichen Schwierigkeiten durch fehlenden Austausch verbunden.

Studieren im Home Office – anders als der gewohnte studentische Lebensstil. Foto: Klaus Polkowski.

Nach Gesprächen mit Kommilitonen und Freunden stechen hauptsächlich 2 verschiedene Arten heraus, mit der inzwischen ungewohnten Situation der „zurückgewonnenen Freiheiten“ umzugehen.

Ich habe Freunde, die es lieben wieder unter Menschen zu sein und sich ohne Bedenken in Menschenmassen begeben und sich auch in Bars ohne Abstand und Maske wohlfühlen. Sie haben monatelang darauf gewartet, dieses Leben und diese Aktivitäten wieder zurückzubekommen und ausüben zu dürfen und haben das Gefühl ohne es würden sie etwas verpassen. Seit letzter Woche haben die Clubs in Baden-Württemberg wieder für die 3G’s (geimpft, genesen oder getestet) geöffnet und die meisten Studenten und jungen Leute sind direkt am ersten Tag zur Eröffnung erschienen. Auf Instagram wurden viele Storys hochgeladen, auf denen man sehen kann, wie in den Clubs dicht an dicht, ohne Maske und Abstand getanzt, gesungen und getrunken wird und alle Menschen glücklich und ausgelassen feiern ohne Angst oder Unwohlsein.

Nach der Pandemie wie vor der Pandemie – unbesorgtes Feiern dank Schutzmaßnahmen. Symbolfoto: Karl JK Hedin / unsplash.com.

Auch in der zwischenzeitlich wieder geöffneten UB (Universitätsbibliothek) und Mensa sieht man Studenten, die mit der Pandemiesituation sehr locker umgehen und anscheinend keine Angst vor Ansteckung haben, da sie ihre Masken trotz Maskenpflicht nicht tragen oder nur unter der Nase. Viele von diesen Studenten beschweren sich über die Corona-Regeln wie zum Beispiel die Maskenpflicht in Gebäuden oder Bus und Bahn und die Nachweispflicht der 3G’s, da sie es übertrieben und umständlich finden. Sie hoffen und freuen sich, im Gegensatz zu den anderen unten beschriebenen Studenten, auf Präsenzlehre im kommenden Wintersemester und hoffen auf möglichst viele Kontakte.

Andere Kommilitonen hingegen haben mir erzählt, dass es am Anfang schwierig für sie war, wieder in Restaurants oder an Orte zu gehen, an denen viele Menschen versammelt sind und sie teilweise sogar richtige Panik und Unwohlsein verspürt haben und das Bedürfnis hatten wieder zu gehen. Viele scheinen unter dem sogenannten Cave-Syndrom zu leiden. Dieser aus den USA stammende Begriff beschreibt das Verhalten von Menschen, die sich trotz der Möglichkeit auf Aktivitäten und Kontakte lieber zuhause zurückziehen und soziale Kontakte vermeiden. Ein Großteil meiner befragten Kommilitonen haben erzählt, dass sie sich zwar mit wenigen Leuten beziehungsweise mit Freunden oder Familie trotzdem wohl fühlen und überhaupt nicht an Corona oder irgendwelche Sicherheits- und Abstandsregeln denken und sich ganz normal mit ihnen treffen und sich auch zur Begrüßung umarmen, aber bei einer größeren Menschenansammlung zum Beispiel in der Bahn oder in einer vollen Bar ein mulmiges Gefühl bekommen und sich unwohl fühlen. Sie stufen also die Gefahr vor einer Ansteckung bei Freunden niedriger ein als bei Fremden. Auch habe ich von vielen gehört, sie würden ab jetzt niemandem mehr die Hand geben, auch nach der Pandemie, da ihnen durch Corona erst bewusst wurde, wie unhygienisch es eigentlich ist und man auf so etwas dann lieber verzichten solle. Außerdem haben die meisten sich darüber beklagt, wie anstrengend es für sie war, das erste Mal wieder unter vielen Menschen zu sein und sich mit vielen Menschen zu unterhalten und Smalltalk zu führen. Sie wären danach total müde und erschöpft gewesen, da man es gar nicht mehr gewöhnt ist, sich so viel und mit so vielen unterschiedlichen Menschen zu unterhalten. Viele von ihnen gehen auch immer noch nicht in die UB zum Lernen oder in die Mensa, da sie sich immer noch unwohl fühlen und solche Situationen mit vielen anderen Menschen lieber vermeiden wollen.

Mund-Nasenschutzmasken und freiwillige Selbstisolation waren lange allgegenwärtig – und sind jetzt für viele nur schwer wieder wegzudenken. Foto: Sandra Meyndt.

Erschwerend kommt hinzu, dass das pure Lockern der Corona-Beschränkungen nicht alle erlittenen Schäden reparieren kann. Besonders Studienanfänger waren von der Pandemie betroffen, da es ihnen verwehrt war, andere Studierende kennenzulernen.  Selbst wenn Cafés und Bars wieder öffnen, müssen sie sich erst ein soziales Netz aufbauen. Im Studium bereits fortgeschrittene Studenten hatten eher damit zu kämpfen, dass manche ihrer Freunde zurück zu ihren Eltern gezogen sind, da das Studentenzimmer sich nicht mehr gelohnt hat oder wegen wegfallenden Nebenjobs nicht mehr bezahlbar war. Ganz zu schweigen von den vielen Beziehungen, die zu Bruch gegangen sind. Auch die Bildung hat gelitten. Sei es, weil ein geplantes Auslandsstudium nicht stattfinden konnte oder nur unter sehr eingeschränkten Bedingungen. Sei es, weil einige Studenten sich mit dem Online-Format schwer tun. Nicht jedermann hat zu Hause die Ruhe, und es ist auch nicht jeder dafür gemacht, alleine im Kämmerchen zu studieren. Nennenswert ist hier vor allem Schließung der Bibliotheken und anderer Lernräume. Als positiver Aspekt kann hier gesagt werden, dass digitale Bildung einen Schub erhalten hat. Manche Universitäten überlegen, die während der Pandemie erprobten Online-Formate beizubehalten bzw. Präsenzveranstaltungen damit zu ergänzen.

Im Großen und Ganzen kann man sagen, dass Corona uns alle schon sehr beeinflusst hat, teilweise auch nachhaltig, und es uns einige Zeit kosten wird, uns wieder an den Normalzustand und viele Menschen zu gewöhnen. Ich denke aber, dass man sich mit der Zeit schnell wieder an alte Situationen und Verhaltensmuster gewöhnen wird und spätestens, wenn die Pandemie wirklich vorbei ist und keine akute Gefahr mehr besteht, relativ schnell wieder ins alte Leben zurückfinden wird und es ohne mulmiges Gefühl nur noch genießen wird unter Menschen zu sein und unsere Normalität zurück zu haben.

Lisa Ilg

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